Atmen und der Sprung

„… man ändert seine Ideen, so wie man atmet: besetzen / Besetzung zurücknehmen / neu besetzen, das ist im Grunde das Pochen des Verstandes, insofern es ein begehrendes ist; nur als liebender / seine Liebe zurückziehender vermag der VERSTAND (übrigens ein Proustscher Begriff) sein Begehren zu zeigen, da sein Gegenstand keine Form ist und nicht fetischisiert werden kann …“ -Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans

In meinem Gedicht mit den Mährischen Volksliedern ging es, wie ich denke, um etwas, wie das. Ich denke, dass in der Liebe es intrinsisch ist. Sonst ist ein Sprung da im Alltag und im Nachdenken. Nichts wird in fließender Bewegung aus sich selbst heraus geschehen, getan werden vielmehr. Es ist ein Sprung eben da, ganz so ist es, wie ich das sehe. Das Zitat von Barthes beschäftigt mich gerade. Spannend mit der Form und dem Fetischisieren vielleicht und dem Atmen vor allem aber auch. Dem Verstand vor allem aber auch.

Unbenannt

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ICH WAR EIN KIND und träumte viel

und hatte noch nicht Mai;

da trug ein Mann sein Seitenspiel

an unserm Hof vorbei

Da hab ich bange aufgeschaut:

„O Mutter, lass mich frei …“

Bei seiner Laute erstem Laut

brach etwas mir entzwei.

.

Ich wusste, eh sein Sang begann:

Es wird mein Leben sein.

Sing nicht, sing nicht, du fremder Mann:

Es wird mein Leben sein.

Du singst mein Glück und meine Müh,

mein Lied singst du und dann:

Mein Schicksal singst du viel zu früh,

sodass ich, wie ich blüh und blüh, –

es nie mehr leben kann.

.

Er sang. Und dann verklang sein Schritt, –

er musste weiterziehn;

und sang mein Leid, das ich nie litt,

und sang mein Glück, das mir entglitt,

und nahm mich mit und nahm mich mit –

und keiner weiß wohin …

*

Rilke

Unbenannt

Mein schönstes Gedicht? Ich schrieb es nicht. Aus tiefsten Tiefen stieg es. Ich schwieg es.

Mascha Kaléko
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Leoš Janáček

Mährische Volkslieder,

 

Tod

 

Füße in Lauge

türkisener Nagellack.

 

gehaucht Schwappen

 

silbern Bruch, Placken

aus Seife, blaugrüner Tupf.

 

Raunen im Bauch

 

nicht aus Innerm raus,

– Wasser 

 

eher Hochschnellen meiner Quanten

 

Kleinste aller Einheiten

springend

 

selbst sie, Lavecka

Unbenannt

ALS DU MICH EINST gefunden hast,

da war ich klein, so klein,

und blühte wie ein Lindenast

nur still in dich hinein.

.

Vor Kleinheit war ich namenlos

und sehnte mich so hin,

bis du mir sagst, dass ich zu groß

für jeden Namen bin:

.

Da fühl ich, dass ich eines bin

mit Mythe, Mai und Meer,

und wie der Duft des Weines bin

in deiner Seele schwer …

*

Rilke

Sedimente, organische

Ich schreibe an einem zweiten Roman. Der Arbeitstitel, er wurde schon geändert von „Blütenstaubsaugen“ zu „Jade“. Dann nochmal. Zu „Sedimente“, und Jade, das erinnerte an Blätter. Die Blätter eines Eukalyptus‘ im Winter. In eben diesem Grün. Auch im Frühjahr. Im Sommer, im Herbst. Sie singen, obwohl sie … Sie klingen, obwohl sie … Sie sind nicht mehr rot. Grün sind sie. Tschüs, Ahorn, Jade ist nun. Die Blätter leben. Leben durchgängig. Ich durchtränk sie, auch den Roman, mit meiner Liebe, dachte ich. Wo sie ist, ist der Roman. Ich habe ein Buch bestellt, „Die Vorbereitung des Romans“ von Roland Barthes; ich, das ist so streng persönlich. „Sedimente“ wird aber, so denk ich es, eher locker persönlich, es lagert sich sedimentartig ab. Kann sich wieder in etwas niederschlagen. Nicht immer nur verkümmernd oder – gleich erloschen. Der entschiedene Titel noch einmal anders später. Ein Gefühl dazu gibt es schon.