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Die Adern der Weben, der Fäden - im Sinken runter, bis ganz dort hin

„,Vierzehn Tage lang ungestört an einem marokkanischen Strand mich von Fisch, Tomaten und Früchten ernähren.‘ Das ist schon der ganze Club Méditerranée, mit Ausnahme des kulinarischen Programms, das nun spezifisch literarisch ist (Epikureismus); alles übrige blendet das Trugbild aus: die Zeit, die Langeweile, die Traurigkeit der Hütten, die Leere der Abende, die Gewöhnlichkeit der Leute usw.“, Barthes, Die Vorbereitung des Romans. Doch das Wahre muss nach ihm nicht langweilig sein, das Gros seiner Vorlesung handelt vom Haiku, der Epiphanie, der Begebenheit und dem Augenblick der Wahrheit. Barthes: „Vielleicht also: um dahin zu gelangen, einen Roman zu schreiben (das ist die Perspektive – der Fluchtpunkt – unserer Vorlesung), muß man letztlich bereit sein, zu lügen, zur Lüge fähig sein (das kann sehr schwierig sein: zu lügen) – über diese sekundäre und perverse Lüge hinwegzulügen, die darin besteht, das Wahre und das Falsche zu mischen -> Letztlich also wäre der Widerstand gegen den Roman, die Unfähigkeit zum Roman (zu seiner Praxis), ein moralischer Widerstand.“ Schön für mich, was das Falsche für ihn wär. Nicht etwa Abenteuerliches, wie manch Autor es machte, und ich zum Beispiel finde Abenteuer langweilig. Auch nichts Werbliches, wie es das im Beispiel des Clubs Méditerranée überwiegend ist; ich denke, das schreit nach dem Ausgeklammerten und wäre schlechtes Blendwerk für Barthes. Auch noch nicht hinreichend. Komisches Beispiel somit, das er hier anführt, beide Seiten nicht stimmig, nicht die das Wahren, nicht die des Falschen. Barthes sieht als Falsches eher etwas aus dem Begehren, persönlich gefärbt. Und Irisierendes, während das Wahre bei ihm, glaube ich, Romantisches ist, und blitzend: „Ich stelle ihn [den Roman] mir als Gewebe (=TEXT) vor, als eine riesige, lange Stoffbahn, die mit Illusion, Trugbildern, Erfindungen, ,Falschem‘ (wenn man so will) bemalt ist: als glänzendes, koloriertes Tuch, Schleier der Maja, hier und da mit AUGENBLICKEN DER WAHRHEIT besät, die seine absolute Rechtfertigung sind; diese Augenblicke = RARI (rarus = selten, spärlich): apparent rari (nantes) -> Wenn ich NOTIZEN mache, sind sie alle ,wahr‘: ich lüge nie (ich erfinde nie), doch gerade so gelange ich nicht zum ROMAN; der Roman würde zwar nicht beim Falschen beginnen, sondern dort, wo Wahres und Falsches unvorhersehbar ineinandergehen: das schreiende, absolut Wahre und das kolorierte, glänzende, aus der Ordnung des BEGEHRENS und des IMAGINÄREN stammende Falsche -> der Roman wäre poikilos, bunt, veränderlich, gescheckt, getüpfelt, mit Gemälden, mit Bildern bedeckt, ein besticktes, verwickeltes, komplexes Gewand; Wurzel pingo [[malen]], mit unterschiedlichen Fäden besticken, tätowieren: vgl. pigmentum > indoeurop. peik, schmücken, sei es schreibend, sei es durch Verteilung von Farbe -> der poikilos des Romans = etwas Heterogenes, Heterologes aus WAHR und FALSCH.“ Die hier doppelt eckigen Klammern sind von Barthes gesetzte einfach eckige Klammern.